• Christian Lunkenheimer

Start with WHY - Auf dem Weg zu einem guten Onlineangebot

Aktualisiert: Mai 13


Du bist zu Hause. Ich bin zu Hause und irgendwie ist die Frage: Wie feiert man online Gottesdienste? Die #digitaleKirche hat in den letzten Wochen unzählige Angebote gestreamt, war erfolgreich, ist gescheitert, hat gelernt. Wie kann es also gehen? Ein guter Onlinegottesdienst?


Als Gottesdienste allerorten ins Netz verlagert wurden, stellten viele sich zum ersten Mal vor die Kamera und spulten dort ihr "normales Programm" ab - viele stellten schnell fest: So ganz das Wahre ist das nicht. Zu sehr Impuls, zu wenig Nähe, zu wenig "dabei". Hanna Jacobs zog schnell das Resümee: "Die evangelische Kirche hat noch nicht verstanden, worum es im Netz wirklich geht: Dialog und Nähe."


Start with WHY

Doch wie geht es besser? Es bietet sich an, von Simon Sineks "Start with Why" zu lernen: Frag immer erst: "Warum?". Denn von der Antwort auf diese Frage, hängt das ganze weitere Format ab. In unserem Beispiel schauen wir mal: Wie konzipiert man einen guten Onlinegottesdienst?


1. Was ist der Zweck dieses Gottesdienstes?

Oder des Gebetsabends. Oder der Onlinekneipe. Oder. Oder. Wozu soll dieses Format dienen? Warum machen wir das genau? Mögliche Antworten könnten z.B. sein: Hoffnung verbreiten, Schäfchen zusammenhalten, Gemeinschaft erleben, unsere Kirche bekannt machen, unsere Daseinsberechtigung als Pastor demonstrieren (viel zu oft!, wahlweise vor uns selbst oder vor der Gemeinde), Spenden sammeln u.v.m.


Es kann auch hilfreich sein, sich ergänzend die Frage zu stellen: Was wünschst du dir für deine Kirche in den nächsten sechs Monaten (oder wie lange auch immer der Lockdown dauert)? Hiermit legst du den Grundstein für euer Onlineformat: Wofür ist es gut? Du wirst merken, wie sich diese Antwort auf die nächsten Fragen auswirkt.


2. Welche Elemente erfüllen den Zweck des Gottesdienste?

In einem Gottesdienst, der Gemeinschaft zum Ziel hat, werden andere Elemente gebraucht: Austausch, Gebetsgemeinschaften, vllt. Wechselgebete. Um die Finanzen zu stabilisieren braucht man Online-Spendenmöglichkeiten. Zum Hoffnung verbreiten braucht es vielleicht einen guten Impuls oder hochwertigen Lobpreis. Möchte man sich als Pastor profilieren, sollte die Predigt nicht zu kurz ausfallen... – Der Zweck bestimmt die Elemente und damit auch die Anforderungen an die Plattform. Braucht es einen Rückkanal? In welcher Form? Wie lang kann es werden?


3. Wie lassen sich die Elemente zweckmäßig umsetzen?

Dann (und erst dann!) kommt die Frage auf: Wie lässt sich das zweckmäßig umsetzen? Technisch kann man unterscheiden zwischen aufgezeichnet, aufgezeichnet und live simuliert und live. Alles hat Vor- und Nachteile. Aufgezeichnet liefert die beste Bild- und Tonqualität mit kleinstem Fehlerrisiko, gleichzeitig jedoch mit der wenigsten Interaktion. Live ist hingegen technisch am aufwendigsten und anfälligsten, kann jedoch viel Interaktion und ein gewisses Gemeinschaftsgefühl bieten.


Je nachdem fällt dann auch die Frage nach der Plattform aus: Youtube und Facebook (gehen für alles), Churchonlineplattform, Zoom o.ä. (Wir haben uns etwa für live und Zoom entschieden, weil wir in erster Linie die Gemeinschaft fördern wollen, v.a. durch einen Rückkanal mit Bild und Ton. Das Ganze wird in Zukunft jedoch auch auf Youtube live gestreamt, da die Hürden zur Benutzung kleiner sind).


Auch die Ästhetik wird vom Zweck bestimmt. Präsentiere ich grade unsere Gemeinde, die sonst einen qualitativ hochwertigen Gottesdienst anbietet, wähle ich andere Kameras, andere Bildausschnitte und auch einen anderen Ort. Vielleicht streame ich aus dem Gemeindesaal, um ein vertrautes Bild zu bieten oder an das Sakrale zu erinnern. Oder ich wähle das Sofa, um das Gemütliche, Gemeinschaftliche hervorzuheben. So kann es ewig weitergehen: Welcher Bildausschnitt, Rhetorik, wie lade ich ein? Alles bestimmt von dieser einen ersten Frage: Was will ich damit eigentlich bezwecken?


4. Evaluation!

Der letzte (und dann wieder erste) Schritt: Evaluation. Holt euch Feedback ein! Wie kommt das Format an, was braucht die Gemeinde grade? Passt dein Zweck mit den Bedürfnissen zusammen? Was sollte man ändern. Das lässt sich recht einfach am Ende des Gottesdienstes erheben (z.B. mit Mad Tea) oder aber man startet eine größere Umfrage nach ein paar Wochen.


Ein Letztes: Du bist nicht alles Schuld!

Eine kleine Entlastung zum Schluss. Du kannst dir noch so viele Gedanken machen, ein noch so gutes Onlineangebot konzipieren – noch viel mehr als in analogen Angeboten sind Hörer:innen stärker gefordert. Nur, wer sich auf das Digitale einlässt (oder einlassen kann), wird von dem Angebot angesprochen werden. Konstanze Kemnitzer bringt es auf den Punkt:

Digitale Medien können »Immersion«, das »Eintauchen in eine virtuelle Wirklichkeit«, nur erzeugen, wenn die Nutzerinnen und Nutzer mitspielen. Digitale Medien sind keine Verdopplung der Wirklichkeit – sondern eine – bei aller technischen Raffinesse – Verflachung und Verplattung des sonst so vielfältig Wahrnehmbaren. Die Nutzerinnen und Nutzer rufen allerdings beim Eintauchen ihre bisherigen Sinneserfahrungen auf und speisen diese in den Bildwerdungsprozess mit ein – durch Konzentration ihrer Einbildungskraft. Das ermöglicht immersive Erfahrungen mit digitalen Übertragungen überhaupt erst. Und die Menschen sind in vielfältiger Weise bereit, sich darauf einzulassen. Aber: Wer die Augen und Ohren schließt, wer die Aufmerksamkeit nicht konzentriert und die digitalen Bilder nicht in der eigenen Vorstellungskraft imaginativ auflädt, bleibt unberührt, schaltet weg und ab. Die Virtualisierung der Gottesdienstwelt steht darum wie jedes medial vermittelte Ereignis vor dieser Herausforderung, die Nutzenden zum Mitspielen einzuladen.

Also: Lasst euch nicht entmutigen, wenn kritische Stimmen wieder laut werden und vehement eine Rückkehr zu analogen Gottesdiensten fordern. Bei der Umfrage in unserer Gemeinde lehnten ca. 10-20 % der Befragten das Digitale kategorisch ab – hier kann ein Eintauchen in die digitale Wirklichkeit kaum funktionieren. Denn ob und wie euer Angebot ankommt, das liegt ganz entscheidend auch in der Hand der Hörenden! Probiert weiter, scheitert munter, lernt heiter ;).

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