• Christian Lunkenheimer

Wie geht es weiter, Coronakirche? - Eine Regnose


Es ist Mitte Juni 2020. Das nur zur Einordnung, denn irgendwie verändert sich ja gerade alles. Ständig. Aktuell Teil einer Gemeindeleitung zu sein ist nicht nur spaßig. Die kurz- und mittelfristige Zukunft der Gemeinde zu planen auch nicht. Niemand kann im Moment absehen, wie sich die aktuellen Fallzahlen entwickeln werden und damit die Beschränkungen. Gleichzeitig müssen Entscheidungen getroffen werden – und das geht nicht ohne eine Einschätzung der Zukunft als Grundlage.

Doch wie sieht die Zukunft aus? Versetzen wir uns gedanklich an den 1. Januar 2021 und schauen zurück auf drei unterschiedliche Szenarien - eine sogenannte „Regnose“: Drei Möglichkeiten, wie die Welt zwischen Juli und Dezember weitergehen könnte. Was ist passiert? Was bedeutete das für unsere Gemeinden? Und was haben wir daraus gemacht?

Dabei sind natürlich alle Überlegungen fiktiv - auch wenn sie inspiriert von gehörten und erlebten Erfahrungen sind. Ähnlichkeiten zu tatsächlichen Situationen oder Gemeinden sind zufällig. Und ich denke, die ein oder andere Idee ist sicher auch bereits irgendwo von irgendwem umgesetzt.


Szenario A: Das „alte Normal“?

Nach dem Abflachen der Kurve im Mai 2020 sind die Fallzahlen nicht erneut angestiegen. In Deutschland haben wir die Situation weitgehend im Griff. Neuansteckungen werden schnell verfolgt und isoliert. Nach und nach wurden die Lockerungen aufgehoben, Gottesdienste sind schon wieder fast ohne Einschränkungen möglich. Wir dachten, wir würden unser „altes Normal“ zurückbekommen. Aber das haben wir nicht.

Zahlreiche regelmäßige Besucherinnen und Besucher unserer Gemeinde haben festgestellt, dass ein Leben auch ohne Gemeinde möglich ist: Viele sind nicht zurückgekommen. Von anderen habe ich wiederum gehört, dass sie jetzt in eine andere Gemeinde gehen, wo die Musik besser ist, die Predigt schöner oder was auch immer: Auf einmal konkurriert man mit allem und jedem.

Dem gegenüber gibt es Gemeinden, die stark von der Pandemiesituation profitiert haben. An Orten, wo die anderen Kirchen während Corona in den Winterschlaf gegangen sind, und jetzt sind alle in der FeG. Doch bei uns ist das anders. Ehrlich gesagt, es wird mit den Finanzen knapp. Einige Leute sind gegangen, doch dazu kommt: Einige sind in Kurzarbeit, was sich auch in den Spenden bemerkbar macht. Noch bin ich als Pastor auf 100 %, aber wenn sich nicht bald etwas ändert, werden wir zurückschrauben müssen. Vielleicht hat die Nachbargemeinde Personalbedarf? Eben die sind jetzt auf rein analog gegangen. Man könnte schon fast von einer Abwehr des Digitalen sprechen. Wirklich alles ist jetzt analog, jedes Gespräch, jede Veranstaltung. Das liegt vielleicht daran, dass deren Technikverantwortliche nach den zahllosen Überstunden echt ausgebrannt waren.

Bei uns in der Gemeinde ist die Akzeptanz des Digitalen noch da. Über die Einführung von ChurchTools hat sich schon lange keine/r mehr beschwert. Und auch, dass unsere letzte Gastpredigerin per Video zugeschaltet war, hat nicht weiter gestört. Man kann an unserem Seniorenkreis jetzt sowohl vor Ort, als auch digital teilnehmen („hybrid“). Dazu haben wir Tablets an die Seniorenheime verteilt und uns das Konferenzsystem „MeetingOwl“ für ein echtes „Dabei-Gefühl“ zugelegt. Das hat sich gelohnt!

Spannend sind die theologischen Diskurse, die jetzt Raum einnehmen können. Nach dem Diktat des Pragmatismus in den ersten Monaten wird jetzt reflektiert: Was geschieht beim Online-Abendmahl? Was ist Gemeinde, wenn es keinen Gottesdienst vor Ort gibt und vieles mehr. Irgendwie haben wir uns eingerichtet im neuen alten Normal. Trotzdem, grade beim Blick in andere Länder bleibt die bange Frage im Kopf: „Kommt das Virus zurück?“


Szenario B: die zweite Welle

Der Krisenmodus hat uns wieder: Das Virus ist wieder da. Im Sommer sah es noch gut aus, doch mit dem Herbst gingen die Fallzahlen wieder hoch. Wir waren wieder mehr in Innenräumen, sind auch unvorsichtig geworden. Die Schulen sind schon länger zu und unser Gemeindeleben ist wieder rein digital. Gestaltungsmöglichkeiten gibt es nur in engen gesetzlichen Grenzen. Noch ist nicht abzusehen, wie schlimm es werden wird.

Unser Gemeindehaus ist bereits als Krankenhaus eingerichtet, einige arbeiten freiwillig als Pflegehelfende im Krankenhaus. Auch unsere Nachbarschaftshilfe wurde reaktiviert. Es gab so viele Hilfsgesuche, dass wir mit unseren Ressourcen gar nicht nachkamen – jetzt sind die unterschiedlichsten Vereine mit an Bord. Überhaupt fühlt sich Gemeinde aktuell so relevant an wie nie zuvor. Wir sind endlich nah bei, mit und an den Menschen dran, wie es dem Evangelium entspricht. Und wir haben nicht nur Dinge zu tun, sondern auch zu sagen!

Die Angst, die Isolation und Unsicherheit aus dem Frühjahr ist wieder da. Stärker als zuvor. Genau da sprechen wir hinein: Wer in unserem Ort Essen beim Lieferdienst bestellt, bekommt eine unserer Andachten gleich mitgeliefert. Unser Weihnachtsgottesdienst ging über das Lokalradio an alle Haushalte. Gegen die Isolation hilft die Onlinecommunity unserer Gemeinde. Mittlerweile nutzen die auch viele Gemeindefremde - wir nutzen dafür Slack, andere Microsoft Teams oder Facebook -, denn sich treffen geht ja gerade nicht. Durch die Vernetzung in der Stadt ist Vertrauen zu unserer Gemeinde gewachsen, so dass unsere Telefonseelsorge boomt. Auch Ehe- und Familienberatung wird dringend gebraucht. Ist mal ein Face-to-Face-Gespräch nötig, nutzen wir unseren Eltern-Kind-Raum: Ratsuchende auf der einen Seite der Sichtscheibe, Seelsorgender auf der anderen Seite im Gottesdienstraum.

Doch man hört auch anderes. Zu Anfang der zweiten Welle gab es einen Ausbruch nach einem FeG-Gottesdienst. Etwa 1200 Infektionen lassen sich darauf zurückführen, auch einige Tote. Leider wurde dort schlecht und intransparent kommuniziert, die Gemeinde ist jetzt großen Vorwürfen ausgesetzt: „Ihr habt das Virus wieder in unsere Stadt gebracht!“ Deswegen liegt bei uns der Krisenplan in der Schublade: Wer sagt was wem wann? Wir hoffen, wir werden ihn nie brauchen!


Szenario C: Hop-on/Hop off

Angesichts der wechselnden Bedingungen und der Schwierigkeit, größere Veranstaltungen durchzuführen, profitierten die Gemeinden, die schon vor Corona eine ausgeprägte Hauskreiskultur hatten. Eine gottesdienstzentrierte Gemeinde wie die unsere wurde ihres Herzstücks beraubt. Da ist es jetzt schwer, dezentrale Angebote zu etablieren. Doch genau das ist das Gebot der Stunde: Kleine Formate können viel flexibler auf die Aufs und Abs reagieren und sind weniger anfällig für „Superspreader“.

Auch die Evangelisation ändert sich: Man lädt nicht mehr zum Gottesdienst ein, sondern ist aufgerufen, seinen Glauben als Einzelperson im Umfeld zu leben: Gut, wo dieses „Zeugnis-Sein“ schon vor Corona trainiert wurde. Unterstützt werden die individuellen und dezentralen Bemühungen durch gutes Material. Eine Gruppe von Pastorinnen und Pastoren sowie Ehrenamtlichen hat sich zusammengetan und erarbeitet zentral gute Inhalte und Formate, die dann dezentral und eigenverantwortlich durchgeführt werden – und die bei der nächsten Welle auch digital funktionieren. Auch „hybride“ Angebote (analog und digital parallel) wurden in zunehmender Kreativität entwickelt.

Daneben sind asynchrone Formate getreten, die auf Abruf bereitstehen: Podcast, Videogottesdienste und Vorträge. Formate, bei denen die Kamera aus bleiben kann und so der Digitalmüdigkeit etwas entgegenwirkt. Angesichts der Fülle von Angeboten bietet eine ausgewählte Sammlung Unterstützung, die sich gezielt filtern lässt: nach theologischer Prägung, Format, Dauer und Anspruch. Inwieweit das eine Konsumhaltung unterstützt, wird sich noch zeigen müssen. Immerhin können so auch die Jüngeren für ihr Glaubensleben Verantwortung übernehmen – bei den älteren mache ich mir da gar keine Sorgen. „Ich lese meine Bibel, das reicht mir“ hörte ich dort des Öfteren.

Immer wieder nur digital unterwegs zu sein bedeutet auch: Mittlerweile haben alle Internet. Selbst Digitalverweigerinnen und Digitalverweigerer kamen irgendwann nicht mehr daran vorbei. Immer wenn es die Situation erlaubte, schwärmten unsere jungen Leute zum „Reverse Mentoring" aus: den Älteren die digitale Wirklichkeit nahebringen. Es half, dass eine Unternehmerin eine erhebliche Anzahl Tablets und digitale Bilderrahmen gespendet hat, die nun die Runde machen. Im Nachbarort hat sich die FeG sogar mit der Freifunk-Initiative zusammengetan, um für flächendeckendes WLAN zu sorgen – schließlich konnten anfangs einige Geringverdienende wegen mangelnden Datenvolumens nicht an den Angeboten teilnehmen. Mittlerweile sind unsere „Digital Natives“ ehrenamtlich in Pflegeheimen unterwegs und unterstützen dort bei der Digitalisierung.

Doch bei all den Erfolgen darf man eins nicht verschweigen: Nicht wenige Pastorinnen und Pastoren hatten oder haben einen Burnout. Das Ersatzformat für die Hauptamtlichentagung auf Langeoog war nie wichtiger! So viele Leitende waren frustriert, verzweifelt und hatten Angst, den neuen Anforderungen nicht zu genügen - digital abgehängt zu sein. Das ständige Vergleichen, das unbarmherzige Feedback der Klickzahlen: Es tut halt weh, wenn die YouTube-Videoanalyse zum dritten Mal in Folge einen satten Abfall kurz nach Beginn der Predigt zeigt. Einige stellten ihre Berufung in Frage, manche haben den Beruf gewechselt. Das zeigte auch die Hauptamtlichenbefragung des Bundes im Herbst – es tat gut, dass dort auch mal explizit das Wohlbefinden der Pastorinnen und Pastoren im Blick war, das ging in der Krise bis dahin etwas unter. In dieser Überforderung erlebte ich aber auch etwas Heilsames: Es hat mich vor Überheblichkeit bewahrt. Ich merkte: Ich habe vieles nicht in der Hand, ich bin zurückgeworfen auf das Evangelium.

Sehr gespannt blicke ich auf eine Arbeitsgruppe, die sich an der Theologischen Hochschule Ewersbach zusammen mit anderen Unternehmen und Fakultäten gebildet hat: Kirche und Künstliche Intelligenz. So wird bereits jetzt automatisch ausgewertet, ob mein Blickkontakt während der Predigt gleichmäßig verteilt ist. In Zukunft kann ich zusätzlich ein Feedback bekommen, an welchen Stellen die Aufmerksamkeit der Hörerinnen und Hörer nachließ oder auch, wer angesprochen wurde oder ein Gespräch braucht. Die ersten Gemeinden nutzen auch bereits Algorithmen zur Anpassung ihrer Website: Mittels Facebook Pixel werden Besuchende erfasst und bekommen gezielt die Informationen, die sie interessieren. Ebenfalls ist ein Chatbot in Entwicklung, der in kleineren Seelsorgesituationen vollautomatisch hilft. Die theologischen und datenschutzrechtlichen Diskussionen müssen allerdings noch in aller Breite geführt werden.


Fazit: kein Zurück zum Alten

Das war eine kurze Rückschau aus der Zukunft. Zu pessimistisch? Zu optimistisch? Wir kennen die Zukunft nicht, doch eins ist für mich klar: Es gibt kein Zurück zum Alten. Sondern nur irgendwas Neues: für manche tröstlich, für manche erschreckend. Darüber würde ich gerne mit euch ins Gespräch kommen: Am 19. Juli um 20:00 lade ich zu einer ZOOM-Diskussion ein. Registrierung unter ogy.de/diskussion.


Es lohnt sich sicherlich auch, den Beitrag mit der Gemeindeleitung zusammen zu diskutieren, um die nächsten Monate zu planen. Ein hilfreiches Tool stelle ich hier vor.


Dieser Beitrag erschien auch in der ChristseinHeute 07/2020.

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